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Von der Praxis zur Theorie

Mein eigenes berufliches Agieren zwischen Kunstmarkt, Kunstvermittlung und freiem Kuratieren, vor allem aber die Zusammenarbeit mit dem Künstlerteam einer Produzentengalerie führten 2010 zu dem Entschluss, meine Erfahrungen und daraus resultierende Fragestellungen in eine wissenschaftliche Untersuchung zu überführen. Seitdem promoviere ich zu dem Thema

 

"ON OFF SPACES:

Räume künstlerische Selbstorganisation in Deutschland und ihre Positionierung im Kunstfeld"

 

Meine Dissertation wird von Prof. Dr. Beatrice von Bismarck an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig betreut und 2010 bis 2013 von der Hans-Böckler-Stiftung mit einem Promotionsstipendium gefördert.

Forschungsthema

Im Fokus meiner Arbeit stehen spezielle Ausprägungen künstlerischer Selbstorganisation, die trotz ihrer zunehmenden Präsenz und Popularität vor allem im deutschen Raum bisher weder quantitativ noch qualitativ genauer erfasst und untersucht wurden: Ausstellungs- und Projekträume, die von Künstlern und Kulturakteuren eigeninitiativ gegründet und selbstverwaltet betrieben werden. Sie alle verbindet die Motivation, in einem selbst verantworteten Raum und Organisationszusammenhang künstlerische Erzeugnisse, Praktiken und Haltungen öffentlich zu machen, die sie im etablierten Ausstellungs- und Kunstmarktbetrieb vermissen oder nur unterrepräsentiert vertreten sehen. Vor allem in Kunstmetropolen sind selbstorganisierte Kunsträume längst keine Seltenheit mehr. Galt die hierzulande vor allem unter dem Begriff der „Off-Räume“ assoziierte Szene bis in die Neunziger hinein noch als randständiges, peripheres Phänomen, wird sie heute von einer breiteren Fach-Community als entscheidender Seismograph des zeitgenössischen Kunstbetriebes angesehen.

 

Die selbstorganisierte Kunstszene in Deutschland bietet ein vielfältiges Spektrum an Räumen, Betreibern, Programmformaten und Kunstpraktiken. Ihre Erscheinungsformen reichten von der Ausstellungsreihe unter Eingeweihten im Wohnzimmer, der zwischengenutzten Industriebrache als Plattform für den Künstleraustausch, über die Ateliergemeinschaft mit einem gemeinsamen Veranstaltungsraum bis hin zum Galerieähnlichen Ladenlokal mit kuratiertem Ausstellungsprogramm. Die sich dahinter verbergenden Organisationsstrukturen sind nicht weniger nuancenreich: lose Gruppen, Künstlerpaare, gemeinnützige Vereine, Gesellschaften bürgerlichen Rechts – staatlich subventionierte, privatwirtschaftlich gesponserte oder gänzlich eigen finanzierte Initiativen. Zu den Betreibern gehören neben Bildenden Künstlern immer wieder auch weitere, dem Kunstfeld nahestehende Akteure. Dass sich Teamkonstellationen mit der Zeit verändern und Initiativen mehrere der genannten Nutzungen und Strukturen durchlaufen, macht einen Überblick nicht leichter. In Analogie dazu kursieren viele verschiedene Begriffe für selbstorganisierte Kunsträume, die je nach Standort, Szene, Absender und Adressat weder präzise noch deckungsgleich verwendet werden: Projektraum, Off-Raum, Non-Profit Raum, Artist-Run Space, Produzentengalerie, Kunstplattform. Viele der involvierten Akteure entziehen sich klaren Kategorisierungen, indem sie gleich mehrere Begriffe für sich anwenden, ihnen eigene Definitionen entgegen setzen oder ihr Vorhaben als ergebnisoffenes Projekt deklariern.

 

Aufgrund ihrer Erscheinungsvielfalt und stetigen Transformationen haben sich selbstorganisierte Kunsträume bisher erfolgreich einer klaren Festschreibung entzogen. Dass sie sich trotz aller Heterogenität einer spezifischen sozialen Gruppe, konkreter: Szene zugehörig fühlen, zeigt sich an den immer wieder kehrenden Attributen, mit denen sie sich und ihre Praxis beschreiben und im Kunstfeld assoziiert werden. Diese verfügen allesamt über randständige, widerständige bzw. grenzüberschreitende Implikationen, die auf eine genuin gesellschaftskritische Stoßrichtung verweisen: unabhängig, alternativ, kritisch, kollektiv, interdisziplinär, projektförmig, anti-institutionell, nicht-kommerziell, experimentell, subkulturell, nischenförmig, temporär, prekär, (noch) nicht etabliert.

 

Projekträume erfreuen sich nicht nur in Großstädten großer Beliebtheit und weisen eine hohe Wachstumsrate auf. Zugleich arbeiten viele Raumbetreiber auf einem Low- oder sogar No-Budget-Niveau, investieren mehr Zeit und Geld als sie erwirtschaften oder durch Fördergelder abdecken können, finden oft nur in Form temporärer Zwischennutzungen bezahlbare Räume und verschärfen damit die existentiellen Unsicherheiten, mit denen die Mehrheit von ihnen als freiberufliche Künstler ohnehin schon zu kämpfen hat. Die Arbeitskonditionen decken sich in ihren Grundzügen mit denen, die seit einigen Jahren unter dem Begriff der Prekarität diskutiert werden.
 

Ziel meiner Untersuchung ist, mit Hilfe einer erstmaligen Bestandsaufnahme einen grundlegenden Einblick in die gegenwärtige Projektraumszene in Deutschland zu gewinnen und das Dickicht an Selbst- und Fremdzuschreibungen, das sie bis heute umgibt, transparent zu machen. Mit dem titelgebenden Fokus auf „Räume künstlerischer Selbstorganisation“ konzentriere ich mich auf die kleinsten, gemeinsamen Nenner der Initiativen - die Selbstorganisation und den Raum - und nehme damit alle zugleich benannten Varianten zwischen Off-Space und Produzentengalerie mit in den Blick. Da es mir um die Praxis und Positionierung meiner Untersuchungsgruppe geht, sind die „Räume künstlerischer Selbstorganisation“ bewusst doppeldeutig zu verstehen: Im wörtlichen Sinne als lokalisierbare Projekträume, im übertragenen Sinne als soziale Handlungsräume.

 

Meine Hauptforschungsfrage lautet: Was zeichnet Räume künstlerischer Selbstorganisation aus und wie positionieren sie sich im gegenwärtigen Kunstfeld?